Dienstag, 20. April 2004

Bernd und die kackende Katze (Original 2002 Version)

nach einer wahren Begebenheit

Diese Geschichte ist der Klasse HY 201 des Jahrgangs 2002/2003 am Ehrich Gutenberg Berufskollegs gewidmet und soll eine Erinnerung an die legendäre Dreyen-Fahrt sein. Jegliche Übereinstimmungen mit lebenden Personen sind gewollt, da dieses Dokument nicht der Beschönigung einiger wirklich so geschehenen Tatsachen dienen soll. Wer sich in irgendeiner Weise beleidigt oder falsch dargestellt fühlt durch dieses Dokument, kann sich ja beschweren!

Es war an einem sonnigen Septembermorgen als sich ein Drittel der Klasse HY 201 in einem vollbeladenen Auto, das durch das enorme Gewicht nicht besonders schnell voran kam auf den Weg machten in das kleine Provinznest, dessen Ortsausgangsschild man beim Einfahren in den Ort schon lesen konnte. Die Verantwortlichen hatten sich ausgedacht, dass es eine Klassenfahrt werden sollte, bei der sich die Schüler untereinander kennen lernen sollten, während nebenbei noch einige Lernmethoden und Inhalte gelehrt wurden. Nach einigem Herumsuchen fanden sie dann doch den Schotterweg, der sie direkt vor die Haustür des umgebauten Bauernhofes geleitete. Steffi - die Fahrerin, Fabian, Simone, Nico und Alex waren die ersten ihrer Klasse, die an diesem Ort ankamen. Der blaue Himmel trügte, denn kühl war’s und es wehte ein leichter Wind. Nach und nach kamen auch alle anderen an und gesellten sich zu den Erstankömmlingen. Die Klasse war schon eine Einheit als sie in Dreyen ankam. Es gab auch eine Parallelklasse, die sich in kleine Gruppen aufteilte und Diskussionen führte. Als dann eine knappe halbe Stunde später alle beisammen waren, war der Zeitpunkt gekommen, die Zimmer zu beziehen. Noch wusste keiner von ihnen, dass diese Nacht ihr Leben verändern würde. Tagsüber hatte man Spaß, diskutierte viel, lernte sich untereinander besser kennen und lachte viel. Der Tag verlief in ruhigen Bahnen und der Abend war frei, alle versammelten sich draußen vor dem Jungenschlafzimmer um einen kleinen Tisch, da es keine Nachtruhe gab hieß das nur eines: „SAUFEN!“

Es muss um die zehn Uhr herum gewesen sein, als die Flaschen auf den Tisch kamen, man hatte schon viel geredet, da bekam man ja auch Durst. Eine bunte Mischung allerlei, stand dort auf dem Tisch beisammen. Wodka, Kirschlikör, Erdbeerlimes, Batida de Coco und Bier. Jeder konnte alles trinken. Zu diesem Zeitpunkt waren nur 11 der insgesamt 14 Schüler auf dem Gelände. Diese saßen geschlossen um den Tisch herum und starrten auf den Alkohol. Wem es einfiel aus Gläsern zu trinken ist ja eigentlich egal, auf jeden Fall war es eine gute Idee. Als dann endlich Gläser am Ort waren gingen die Gespräche über die Vergangenheit und die Bekannten, alte Freunde und über alle möglichen Themen weiter. Alle Flaschen waren nach einer halben Stunde noch fast halb voll außer einer, sie war leer. Es war die Flasche Wodka, die sich Fabian und Nico geteilt hatten. Fabian kauerte nach seinem Genuss wie ein Häufchen Elend etwas abseits der Gesprächsrunde und sagte kein Wort. Nico dagegen wurde immer euphorischer. Eine seiner Mitschülerinnen schien ihn zu nerven. Alle redeten, doch kaum, dass sie ein Wort dazu sagte, kam seinerseits ein ‚Halt die Schnauze’ oder ‚Bla bla bla’. Es war Ina, nachdem er noch ein paar Bierchen getrunken hatte, dufte man ihn gar nicht mehr ansprechen und bekam nur ein ‚Bla bla bla’ oder ‚Du kriegst gleich eine’ zu hören. Nico stand dann irgendwann unvermittelt auf. Um zu gewährleisten, dass er sich nicht verletzt, oder besser um zu lachen sobald er kotzt ging Alex mit, bis er bemerkte, dass Nico einen ganz anderen Plan verfolgte. Sie gingen auf das Gemüsebeet zu und Nico nahm den erstbesten Kürbis und gemeinsam schafften es die beiden den Kürbis aus seiner Verankerung zu reißen. Dann rollten sie ihn in Richtung ‚Party’. Auf dem Weg dorthin machte sich der Kürbis kurz selbständig und rollte über Alex Fuß nachdem er Nico zu Fall brachte und dieser mit seiner Hose im vom Nachmittags gefallenen Niederschlag angefeuchteten Boden landete. Nach einigen Minuten schafften sie es dann doch wieder bei den feiernden Kollegen anzukommen. Dort angekommen stellten sie fest, dass der Kürbis noch keinen Namen hatte. Also nahmen sie zwei Dosen vom Alsterbier von Alex und fragten die in diesem Moment sehr nett erscheinende Ilka, die gerade erst zurückgekehrt war um Rat. Nico fragte mit einem Lallen in der Stimme: „Wie sollen wir den Kürbis nennen?“ Ilka: „Den Kürbis?“ Mit einer Hand am Kopf und einem Lachen im Gesicht fragte sich Ilka ob Nico das ernst meinte. Alex versuchte zu erklären: „Jedes Lebewesen braucht auch einen Namen und der Kürbis hier ist jawohl ein so nettes Lebewesen!“ Nico fragte noch einmal, während er dann auch für Ilka den Blick auf den sympathischen Kürbis freigab: „Wie sollen wir ihn nennen?“ Ilka antwortete dann plötzlich ganz spontan: „Bernd!“ Daraufhin nahmen sie die Dosen und ergossen Teile des Inhalts über den Kürbis: „Wir taufen dich auf den Namen Bernd!“ In genau diesem Moment bekam Bernd eine Persönlichkeit und wurde Ehrenmitglied der Klasse HY 201. Während das fröhliche Treiben immer weiter ging saß Bernd leicht außerhalb und beobachtete das Geschehen. Er sah fröhlich aus. Irgendwann ist jede Party zu Ende und so endete auch diese. Doch wie man leider feststellen musste, sehr abrupt. Auf dem Flur im Gebäude ging Licht an. Fabian, der vor einer knappen halben Stunde bereits auf seinem Bett eingeschlafen war während er auf das Bett gefallen war, bekam vom Ende der Party nichts mit. Er hatte noch seine Jacke und seine gesamten Klamotten an, sogar seine Brille hatte er noch auf als die Party beendet war, Bevor er dort gelandet war, hatte Fabian einige Zeit neben dem Klo verbracht, weil er versucht hatte den Deckel zu reparieren. Dort wurde er dann irgendwann von Benjamin entdeckt und ins Bett gebracht. In hektischer Eile wurden die Reste, soweit es überhaupt welche gab ins Gras gekippt und die Flaschen und Dosen in eine Tüte gepackt und in den Busch der neben der Sitzecke war gestellt. Als die Lehrer Herr Kasfeld und Frau Gongoll am Tatort eintrafen war der Tisch fast leer, ein paar Aschenbecher, Alsterbier und Knabbereien waren noch zu sehen. Auf einem Stuhl ein völlig besoffener Nico und der Rest hatte sich verdrückt. Nachdem er sich nach dem Zustand von Nico erkundigt hatte ging auch Alex ins Gebäude um ein wenig zu schlafen. Bernd hatte das alles relativ kalt gelassen und er war nicht von Nicos Seite gewichen, wie sollte er auch, ohne Beine. Da er durch das ewige Hindurchlaufen von Frau G oder Herr K nicht schlafen konnte musste Alex bis 3 Uhr warten, als Nico endlich ins Gebäude kam und den Kampf gegen das Kotzen gewonnen hatte. Knappe 3 Stunden waren die beiden Lehrkräfte ewig durch das Zimmer nach draußen zu Nico gerannt um ihn nach seinem Gesundheitszustand zu fragen und Witze über Fabian und die Trinkorgie zu machen. Zwischendurch besuchte auch Bernds Namensgeberin das Jungenzimmer, sie war nur gekommen um zu erfahren wer so schnarchen würde, da es Bernd nicht war, Nico draußen saß und Alex wach war und mit ihr redete konnten es nur zwei Personen gewesen sein. Als Frau G von draußen kam verschwand Ilka genau so schnell wie sie erschienen war.

Der zweite Tag war der reinste Albtraum für einige, vor allem die Alkoholiker aus der Parallelklasse hatten schwere Verluste hingenommen in der letzten Nacht, während die HY 201 vollzählig und pünktlich am Frühstückstisch erschienen war mit Ausnahme von Bernd, man wollte ihm nicht zuviel zumuten, waren es derer nicht einmal die Hälfte. Nach dem gemeinsamen Frühstück ging Herr K mit den Schülern der HY 201 beziehungsweise einem Teil davon an den Ort an dem die Tüte lag und kippte diese aus. Mit Entsetzen stellte er fest, was er die letzte Nacht nur vermutet hatte, die Jungs und Mädels hatten richtig einen gebechert. Er schien sehr erstaunt über das Ausmaß gewesen zu sein und über eine Flasche Korn, die ihnen von der Parallelklasse untergejubelt wurde. Mit den Worten: „Das habt ihr alles allein ausgetrunken?“ und „Das muss entsorgt werden!“ war das Thema abgehakt. Da es ein Teil des Methodentrainings war musste bis um 18Uhr gearbeitet werden, die meisten haben um 16Uhr schon das Handtuch geworfen und die Arbeit eingestellt, andere haben das Programm durchgezogen um dann, draußen auf den kleinen Rasenplatz zu gehen um Football zu spielen beziehungsweise sich den Ball zu zuwerfen. Dabei hatte man viel Spaß und die kleine Gruppe bestehend aus denen die gemeinsam mit dem Auto ankamen und Benjamin ging allein nach dem Sport in den Speisesaal und setzte sich so weit es ging von der Parallelklasse entfernt hin und baute sich ein kleines Menü auf. Nachdem sie gespeist hatten nahmen sie ein paar Flaschen Cola mit und gingen auf den Rasenplatz, dort setzten sie sich auf ihre Jacken und lachten die ganze Zeit über Nichtigkeiten und Flachwitze. Jeder Außenstehende hätte denken müssen, dass hier schon wieder ein kleines Besäufnis stattfände.

Plötzlich vernahmen sie einen elenden Gestank und sie sahen sich um, da sahen sie eine Katze, schwarz wie die Nacht und langsam wie eine Schnecke. Sie lief einmal um sie herum, nach einiger Diskussion waren sie sich einig, die Katze war es die so stank, sie beobachteten die Katze, wie sie umherzog und sich auf den Misthaufen legte, sich einmal darauf wälzte und wieder in ihre Richtung ging. Benjamin, der den Football in der Hand hielt überlegte kurz und warf den Ball dann mit ein wenig Kraft in Richtung der Katze, die voll vom Football getroffen wurde und daraufhin lief, wie von der Tarantel gestochen. Nach ein paar Sekunden war sie verschwunden. Bernd lag hinten im Garten und wusste genau, dass seine Zeit noch bevorstände. Nach einiger Zeit waren auch die Cola Flaschen leer und man verzog sich in das Jungenzimmer. An diesem Abend wurde im Jungenzimmer viel geredet und gelacht, ohne dass auch nur ein Tropfen Alkohol dabei im Spiel war. Die Diskussion drehte sich so, dass Bernd in den Mittelpunkt der Diskussion rückte. Nico begann zu phantasieren, was denn wäre wenn er lebendig wäre. Man konnte sich ausmalen, wie er hinter den Leuten herrollte und seinen Charme spielen lassen würde um alle seine Ziele durchzubringen. Dann wollten die Jungen eigentlich schlafen, Nico, der noch eben die ganze Zeit Witze über Bernd gemacht hatte erschrak als er die Rollos vom Fenster hoch machte, damit man das Fenster auf Kippe machen konnte um auch bei Nacht ein wenig Luft in das Zimmer zu bekommen. Vor dem Fenster saß auf einem Stuhl, Bernd und er sah aus als wäre er sauer. Aber Bernd war nicht sauer, Bernd war nur sympathisch. Nach dem Schock gestanden Simone und Tanja, den Kürbis da hin geschleppt zu haben und der Abend klang fröhlich aus. Man ging früh schlafen, weil für den dritten und letzten Tag noch ein hartes Programm auf dem Plan stand.

Die Lehrer hatten sich eine ‚Strafe’ ausgedacht, für die Säufer, die im Gegensatz zu den anderen zu erledigenden Aufgaben ein Witz war. Die letzte Methodentrainingsübung war auch eine kritische Bewertung des Dreyen Aufenthalt, was hat ihnen gefallen, was nicht. Die Klasse HY 201 war sich einig, dass ihnen nicht gefallen hat, dass ihre Parallelklasse dabei war und ihnen hat sehr gefallen, dass sie Bernd den sympathischen Kürbis kennen gelernt haben. Bei den Aufräumarbeiten vor der Abreise, verabschiedete sich jeder auf seine Weise bei Bernd dem sympathischen Kürbis. Als dann endlich feststand, dass es nach Hause ging, war die Stimmung zwar gedrückt wegen Bernd aber irgendwie auch wieder fröhlich wegen der Vorfreude auf das kommende Wochenende. Auf dem Heimweg sprach man kaum ein Wort, die Trauer über den Abschied von Bernd hatte seine Spuren hinterlassen. Aber eines steht fest:

BERND IST EINER VON UNS!

(diese Kurzgeschichte ist genauso in der Abizeitung des Bacabi Jahrgangs des EGB damals erschienen)