Es war eine kalte Nacht, Nebelschwaden waberten schaurig über das Feld, der nahe Fluss schlängelte sich still durch die Wiesen, die ihn flankierten. Ein einsamer Wanderer ging an ihm entlang und summte ein fröhliches Liedchen von der Liebe und ihren wunderlichen Wegen, ab und an sah er hinauf zum Himmel, den Mond zu entdecken, doch er schien verhangen, von Wolken verschleiert.
Den Wanderer umgab ein Duft von Waldmeister und Schnaps, er kam wohl gerade von einem Umtrunk. Das hätte dann wohl auch erklärt, warum jener so schwankte und warum er keinen Ton traf, aber wer sollte es einem Mann verübeln ab und an mal ein kräftiges Glas Fusel zu genießen, niemand wäre ihm wohl böse gewesen, er schien niemanden zu haben, der sich überhaupt darum gekümmert hätte... wer weiß so was schon? Eigentlich könnte man sich genauso gut fragen, warum gerade er in dieser Nacht unterwegs war und warum der Zufall gerade ihn auswählte Zeuge der Ereignisse jener Nacht zu werden. Aber darauf wird es wohl genauso wenig eine Antwort geben, wie die, ob ihn jemand vermisst hätte.
Er wanderte mehrere Kilometer bis zu einem kleinen Steg, dort setzte er sich dann, die Füße in das eiskalte Wasser gesenkt ein wenig hin, um zu verschnaufen und ein wenig abzuschalten. Mittlerweile war sogar der Mond aus den Wolken aufgetaucht und schien auf das stetig fließende Gewässer zu seinen Füßen. Er blickte umher und sah irgendetwas im Wasser treiben. Er dachte zuerst an ein Krokodil, wahrscheinlich war das einer dieser typischen Gedanken, die man eigentlich nur unter Drogeneinfluss haben konnte, wo doch in jener Gegend seit Jahrtausenden keine Krokodile mehr gesichtet wurden. Die Strömung brachte das Treibgut immer näher, doch je näher es kam, desto schemenhafter schien es zu werden. Der Wanderer ergriff die Flucht vor dem vermeintlichen Krokodil und rannte so schnell er konnte vom Steg weg, jedoch war das scheinbar nicht das, was das Schicksal für ihn vorgesehen hatte.
Schon nach einigen Sekunden, blieb er an einer aus dem Boden ragenden Wurzel hängen und maulte sich. Er verlor das Gleichgewicht und der Reflex, der normalerweise einen ungebremsten Fall durch Ausfahren der Arme verhinderte, setzte wahrscheinlich bedingt durch den Alkoholkonsum und die dadurch verlangsamte Reaktion aus. So geschah es dann, dass er sich der Länge nach in das Gras niederließ, wobei er noch dachte: ‚Warum sind hier Steine?’ Bevor er diesen Gedanken jedoch weiter verfolgen konnte, schlug sein Schädel auf einen ungewöhnlich spitzen Stein der scheinbar plötzlich aus dem Boden auftauchte. Die Wucht des Aufpralls riss ein Loch in seinen Kopf aus dem sich Hirnmasse ergoss. Sein Körper zuckte noch einen kurzen Moment um dann erlahmt da zu liegen.
In genau diesem Augenblick zog sich eine unheimliche Gestalt aus dem Wasser auf den Steg, die Augen der Gestalt schienen schwarz zu sein, leer, leblos, so als würde man direkt in ihren Kopf sehen können und sähe doch nichts. Lange schwarze Haare umrahmten ein schemenhaftes Gesicht ohne erkennbaren Mund und ohne erkennbare Nase, das einzige was hervorstach waren die Augen. Diese schwarzen, leeren, toten Augen, das Wesen schien zu schweben, die zerfetzte Kleidung schien einen weißen Leib einer Mädchengestalt verhüllen zu wollen. Das Wesen schwebte zu dem Ort an dem der Wanderer lag, es war fast menschlich, beugte sich zum leblosen Körper herunter und sah sich die Bescherung an. Daraufhin ging es zum Fußende des Toten und ergriff die Beine des Wanderers und zog den Leichnam durch das Gras in Richtung Steg. Beim ersten Ruck lösten sich Reste der Schädeldecke vom Kopf und hinterließen einen Schleimfleck von breiiger Hirnmasse am Stein. Die Spur, die das auslaufende Sekret aus dem Schädel der Leiche hinterließ war ebenso auffällig, wie der von Blut und Hirnresten überzogene Stein und das durch die Schleifspur niedergedrückte hohe Gras. Das Wesen schien kein Interesse daran gehabt zu haben Spuren zu vermeiden, es zog den Leichnam unbeirrt in Richtung des Stegs während es die ganze Zeit vor sich hin murmelte. Es waren Laute, die kein menschliches Ohr zuvor gehört hatte. Die Laute hatten Ähnlichkeiten mit einem ständigen Keuchen und Flüstern. Am Steg angekommen legte das Wesen sich die Leiche in eine ihm scheinbar angenehme Position und setzte sich an seine Seite, nahm die kalte Hand des toten Wanderers und strich sanft darüber, ein dichter schwarzer Rauch umgab daraufhin die Leiche. Daraufhin verschwand das Wesen so, wie es gekommen war, durch das Wasser. Vorher drehte es seinen kopfähnlichen Körperfortsatz in die Richtung des Mondes, der hell vom Himmel schien, dann versank es wieder im Wasser. Der schwarze Rauch verschwand mit dem Wesen, so wie auch der Mond hinter einer Wolke. Übrig blieb der Leichnam des Wanderers, der alle viere von sich gestreckt auf dem Steg lag und dessen noch nicht geronnenes Blut sich über das Holz des Stegs in den Fluss ergoss.
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